EINFACH MAL STEHEN BLEIBEN
Kennt ihr ihn auch, den Drang nach Veränderung? Wie ein vermeintlich bester Freund begleitet er mich schon mein Leben lang, machmal mehr, manchmal weniger. Meistens taucht er auf, wenn ich in einer unsicheren Situation stecke. Und nichts daran ändern kann. Dann kann ich dafür ja mich verändern, logisch oder? Mit verändern meine ich übrigens nicht anpassen, denn anpassen finde ich generell schwierig und oftmals nicht zielführend. Verändern bedeutet in meinen Augen etwas Neues auszuprobieren, Erfahrungen zu sammeln, sich weiterzuentwickeln. Und aktiv eine Veränderung zu initiieren. Dies ist bei mir meistens mit etwas wahnwitzigen Ideen gekoppelt, welche sich eher im Äusseren als im Inneren abspielen. So habe ich beispielsweise schon früh regelmässig mein Zimmer umgestellt, was bei meinen Eltern immer wieder für grosse Augen gesorgt hat. Denn nur mit dem Umstellen der Möbel war es natürlich nicht gemacht, es musste auch noch eine andere Wandfarbe her - babyblau zum Beispiel. Dazu sage ich jetzt mal besser nichts, über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Ich gebe ja zu, dass ich diese Umstell-und-Wandfarb-Phase noch nicht komplett hinter mir habe, aber mein Geschmack ist zwischenzeitlich sicher etwas stilsicherer und ich überlege länger, bevor ich meiner Wohnung ein neues Aussehen verpasse. Meistens jedenfalls. Ein weiteres Beispiel waren meine Haare. Meine Brüder behaupten ja, dass ich meine Haarfarbe so oft gewechselt habe, dass sie gar nicht mehr wussten, welches meine Naturfarbe sei. Sie übertreiben gerne, die beiden. Ich kann jedoch nicht abstreiten, dass ich allerlei ausprobiert habe: Platin blond, rot-braun und sogar praktisch schwarz. Erinnert ihr euch? Interessanterweise gingen die Meinungen immer sehr auseinander, was mir nun stehe und was nicht. Tatsache ist, dass ich seit einigen Jahren nur noch die Spitzen aufhelle und der Rest ist Natur pur. Ob mir das meine geliebten Brüder wohl glauben? ;) Der Drang nach Veränderung schlägt bei mir aktuell wieder mit voller Wucht zu. Die Gründe dafür sind zweitrangig, spannender ist, wie er sich dieses Mal äussert. Ich habe weder das Bedürfnis meine Haare zu färben noch meine Wohnung umzugestalten. Und neue Frotteewäsche – wie ich sie mir gestern gekauft habe – ist selbstverständlich ausgeschlossen. Die hätte ich mir ja auch letzte Woche kaufen können, ist klar oder… Vielmehr sehne ich mich dieses Mal nach einer mentalen Veränderung. Ich will endlich lernen geduldiger zu sein. Wer mich kennt, lacht jetzt vermutlich. Karin und geduldig? Träum weiter! Jaja, ich weiss… Geduld ist definitiv nicht meine Kernkompetenz und das wird es wohl auch nie. Daran arbeiten kann ich jedoch auf jeden Fall, oder? Also lese ich ein Buch zum Thema, lausche Hörbüchern und versuche mich im Alltag immer wieder an kleinen Übungen. So lege ich beispielsweise mein Natel bewusst weg, nur um es einige Minuten später wieder in der Hand zu halten. Auf was warte ich eigentlich? Dass noch eine weitere unnötige Junk-Mail eintrifft? Oder auf die nächste Insta-Werbung? Oder eine Nachricht, die ich auch später noch lesen kann? Ach Menschenskind! Dieses Verhalten könnte man auch als Symptom von Langeweile bezeichnen, welches es sicherlich nicht nur ich habe. Veilleicht sollte ich mal darüber schreiben? Scheint bei mir ja recht ausgeprägt zu sein, aber zurück zum Thema: die geliebte (Un-)Geduld. Wie mehr ich versuche bewusst an meiner Geduld zu arbeiten, desto ungeduldiger werde ich. Macht irgendwie Sinn, wie mir scheint. Gestern Abend erzählte ich einer guten Freundin in einer lauschigen Bar von meinen erfolglosen Versuchen mir selbst Geduld beizubringen. Mit einem sanften Lächeln sagte sie mir: „Aber Karin, warum willst du dich denn verändern? Deine Ungeduld gehört zu dir und macht dich zu dem Menschen, der du bist.“ Ich sah sie erstaunt an und wusste nicht, ob ich lachen sollte oder nicht. Genau so muss ich ausgesehen haben. Ihre Reaktion auf meinen Gesichtsausdruck: „Weisst du, auch du darfst einfach mal kurz stehen bleiben. Du musst nicht immer an dir arbeiten. Ruh dich doch mal aus, meine Liebe.“ Wie bitte? Ich soll NICHT an mir arbeiten? Mich ausruhen? Kann mir das bitte mal jemand buchstabieren? Etwas ungläubig sass ich dort und lies mir ihre Aussagen durch den Kopf gehen. Und plötzlich machte es Klick. Und zwar laut! Solange ich den Drang nach Veränderung ständig füttere, wird er mich immer wieder aufsuchen. Wie ein hungriges Tier eben. Höre ich damit auf, schnallt er irgendwann hoffentlich, dass bei mir nichts mehr zu holen ist. Das benötigt natürlich auch etwas Geduld, aber so viel kriege sogar ich zusammen. Und in der Zwischenzeit geniesse ich das Gefühl des Stehenbleibens – im Wissen, dass ich mich eben doch verändere und dafür nicht mal meine Haare färben muss ;)
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