Sarajevo ist so viel mehr als ein ehemaliger Kriegsschauplatz und ich weiss gar nicht, wo ich beginnen soll… In dieser Stadt ist so viel Geschichte und wenn ich jetzt diesen Blog schreibe,
während meine Augen immer wieder auf die andere Seite des Flussufers schweifen und an den Einschusslöchern hängenbleiben, welche an praktisch jedem Gebäude noch deutlich zu sehen sind, scheint
es, als ob die Überbleibsel des Krieges ihre eigenen Geschichten erzählen. Genau so kompliziert wie der vorherige Satz ist die Geschichte im Balkan, ganz besonders hier in Sarajevo. Und ich muss
zugeben, dass ich definitiv eine Bildungslücke hatte, die mir bis anhin nicht unbedingt bewusst war. Versuchen wir mal etwas Chronologie reinzubringen:
Im Juni 1914 wurden der damalige Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gemahlin Sophie bei einem Attentat in Sarajevo getötet. Diese Tat soll der Auslöser des ersten Weltkrieges gewesen sein.
Mehr Details erspare ich euch an dieser Stelle, ihr seid ja schliesslich nicht im Geschichtsunterricht ;) Heute erinnern Tafeln, Bilder und ein Fussabdruck an das Geschehene. Dieses Ereignis ist
zwar geschichtlich von grosser Bedeutung, für mich persönlich sind die Jahre 1992 bis 1995 jedoch spannender.
Die Vorgeschichte über das ehemalige Jugoslawien lasse ich an dieser Stelle bewusst aus, das würde diesen Blog definitiv sprengen. Dafür lasse ich euch daran teilhaben, was uns während der beiden
Touren über die oben genannten Jahre erzählt wurde. Anmerkung: Beide Tourguides waren zu dieser Zeit Kinder resp. Jugendliche und haben den Krieg selbst miterlebt. Ihr könnt euch somit
vorstellen, dass ihre Schilderungen dadurch noch eindrücklicher waren. Beiden war es wichtig, dass wir ein gesamthaftes Bild der damaligen Situation erhalten. Nun, also denn: Die Bosnier stimmten
im Frühling 1992 über die Unabhängigkeit ab. Die bosnischen Serben boykottierten dies jedoch und kesselten die von Bergen und Hügeln ummantelte Stadt Sarajevo zusammen mit der jugoslawischen
Volksarmee ein. Gegen diese Belagerung wurde erfolgslos demonstriert, auf einen Krieg war niemand vorbereitet. Wenn wir ehrlich sind, rechnet wohl kaum jemand von uns damit, dass sein eigenes
Land plötzlich angegriffen wird und man sich im Krieg wiederfindet, oder?
Mohamed und Samra schilderten die damaligen Verhältnisse so: Die meiste Zeit verbrachten wir in den Kellern und Bunkern, häufig ohne Strom, Wasser und auf engstem Raum. Das Schlimmste waren
jedoch die Granaten, davon fielen durchschnittlich 329 Stück täglich (!) auf uns nieder. Obwohl das Essen rationiert wurde, gab es oftmals nicht genug und Alltägliches wie Eier wurde zu einem
kostbaren Gut. Die örtliche Brauerei war dank einer eigenen Quelle der einzige Ort, an dem man Wasser holen konnte. Dies war jedoch äusserst gefährlich, da die serbischen Scharfschützen ihre
Gewehre bereits im Anschlag hatten. Und es war ihnen egal, ob man ein Mann, eine Frau oder ein Kind war. Absichtlich wurden offiziell keine Zivilisten getötet, jedoch beläuft sich die Opferzahl
derjenigen in Sarajevo auf 11‘500, 1‘000 davon Kinder. Über 50'000 Menschen wurden verwundet. Eine der Strassen, an denen die Front war, wird bis heute „Sniper Alley“ (Scharfschützenweg) genannt.
Die sogenannten Rosen von Sarajevo und viele weitere Denkmäler erinnern an die Bluttaten. Trotz der Tragödie gab es auch schöne Momente, wie beide betonten. So beispielsweise einige Hochzeiten,
welche dennoch gefeiert wurden oder die Miss Sarajevo-Wahl, der das Lied von U2 gewidmet ist. Mohamed wie auch Samra betonten, dass die Seele der Stadt nie gebrochen werden konnten. Und das
glaube ich den beiden sofort, wenn ich die fröhlichen und sehr zuvorkommenden Menschen hier sehe.
Nach 1'425 Tagen, also fast vier Jahren, war die Belagerung 1996 dank dem Dayton-Abkommen endlich vorbei. Als wir die beiden fragten, was der Grund des Krieges gewesen sei, schüttelten sie den
Kopf und meinten, dass sich dies nicht innert einigen Minuten erklären lasse. Die Sache sei wegen den verschiedenen Religionen, die im ganzen Balkan aufeinandertreffen, äusserst kompliziert
gewesen und teilweise immer noch. Diesen Eindruck hatte ich auch, als ich das erste Mal durch Sarajevos Strassen lief. Hier treffen diverse Glaubensgemeinschaften aufeinander, wie ich es zuvor
noch nie gesehen habe. Ein Beispiel? Kirchtürme neben Moscheen, das ist hier nichts Besonderes. Wenn ich ehrlich bin, war ich vom islamischen Einfluss erstaunt, damit hatte ich nicht gerechnet.
In der Stadt gibt es 99 Moscheen und nie zuvor habe ich die Gebete der Muezzin so deutlich gehört wie hier. Man nennt Sarajevo übrigens auch „kleines Istanbul“. Dies wird einem vor allem vor
Augen geführt, sobald man die aufgemalte Grenze der beiden Stadtteile überquert. Wo vorher noch relativ moderne Gebäude zu sehen waren und hippe Restaurants Touristen anlocken, steht man einige
Meter später plötzlich in einer ganz anderen Welt. Bei den unzähligen Marktständen glänzt und glitzert es, überall werden orientalische Speisen und Waren angeboten. Und der Duft von frischem
Burek sowie dampfenden Shisha dringt in die Nase – mmmh! Die Menschen drängeln sich durch die vielen kleinen Gassen oder trinken gemütlich bosnischen Kaffee. Der sei anscheinend noch stärker als
der türkische – ich hab ihn nicht probiert, will ja noch schlafen können… Hab mir heute übrigens eine goldene Dschinni-Wunderlampe gekauft, vielleicht hilft diese ja bei der Erfüllung meiner
Wünsche? Was Aladdin kann, kann ich schon lange ;)
Nun nochmals zu etwas Geschichtlichem: Wir besuchten den Tunnel, welcher unterhalb des Flughafens gebaut wurde. Dank des rund 800 Meter langen Tunnels konnten einige Tausend Bosnier Richtung
Berge flüchten, humanitäre Hilfsgüter in die Stadt gebracht sowie Verwundete transportiert werden. Und auf diese Weg gelangten auch Waffen in die Stadt. Der Tunnel sei von entscheidender
Bedeutung gewesen. Das Brisante an der Geschichte? Das Gebiet um den Flughafen war unter Aufsicht der UN, welche sich jedoch anscheinend nicht so neutral verhielt wie man erwarten könnte und
deshalb kam man auf die Idee des Tunnels. Das lasse ich jetzt einfach mal so stehen…
Nach diesem geschichtsträchtigen und ehrlicherweise sehr ermüdenden Besuch fuhren wir in die Höhe. 1984 fanden die olympischen Winterspiele in Sarajevo statt und wir sahen uns die nun halb
verrottete Bobbahn an. Diese ist heute eher ein Gemälde aus Graffiti als eine Sportanlage ;) Vom Berg Trebevic, wo auch eine Gondelbahn hinführt, hat man einen herrlichen Blick über die Stadt und
es wird einem bewusst, wie eingekesselt sie ist. Definitiv nicht zum Vorteil bei einem Angriff, wie wir gehört haben.
Auf der Hinreise, welche wegen eines vergessenen Gepäcksstück statt 7 rund 9 Stunden gedauert hat (meine lieben Nerven!), konnte ich die Landschaft ausgiebig begutachten. Sehr viele Häuser in
Bosnien und Herzegowina sind nicht fertig gebaut oder stehen komplett leer. Dieses Phänomen kenne ich aus Ägypten, hier sei einer der Hauptgründe die Auswanderung. Rund die Hälfte der Bevölkerung
lebt im Ausland, dies aus verschiedenen Gründen. Die Region Bosnien, in der wir aktuell sind, betreibt noch sehr viel Landwirtschaft. Gefühlt jedes dritte Anwesen ist ein Bauernhof, wo Hühner
herumrennen und alte Traktoren herumstehen. Die Bosnier scheinen gerne anzupflanzen, vor den Häusern befinden sich jeweils prächtige Gärten und jedes kleine Fleckchen Erde wird dazu benutzt, Mais
anzupflanzen. Des Weiteren gibt es hier viele dichte Wälder, welche die hügelige Landschaft zieren. Generell ist es sehr grün hier, viel weniger karg als noch in Serbien. Während der kurvigen
Fahrt überlegte ich mir, ob es hier wohl Bären gäbe. Kurze Zeit später riefen zwei meiner Mitreisenden, dass sie wohl einen Bären gesehen hätten. Obwohl ich ihn nicht selbst gesehen habe, musste
ich schmunzeln. Hatte ich nicht soeben noch von Bären geträumt? ;)
In der Zwischenzeit geht die Sonne langsam hinter den Hügeln unter und ich spüre ein leichtes Frösteln. Ob es nur am leicht kühlen Wind liegt, der hier weht? Ich glaube, dass mich die Geschichte
dieses Landes und besonders dieser Stadt mehr berührt, als mir lieb ist. Wir haben heute viel Spannendes und zugleich Tragisches gehört, erlebt und auch diskutiert. Nicht allzuweit entfernt tobt
ein sehr ähnlicher Krieg und ich will mir gar nicht vorstellen, wie sich die Menschen dort fühlen mögen. Seien wir dankbar für unser Leben in Sicherheit und möge sich unsere Hoffnung erfüllen,
dass diese Leidenszeit bald vorbei ist – nicht nur in der Ukraine.