Lauras Gschichtli
Laura, Der C-Käfer & Die Freiheit
LAURA, DER C-KÄFER & DIE FREIHEIT
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LAURA, DER C-KÄFER & DIE FREIHEIT
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Februar 2022
Ich erzähle euch jetzt eine Geschichte. Und das nicht nur, weil einige von euch meine Gschichtli zu vermissen scheinen, sondern weil ich euch von einer jung gebliebenen Frau erzählen will. Wer
sie kennt, würde mir bestätigen, dass sie keinesfalls alt ist, sondern in den besten Jahren. Nennen wir sie Laura, um eine Verbindung mit der Schreibenden kategorisch auszuschliessen.
Laura ist wütend. Wütend auf diesen blöden C-Chäfer, der seit zwei Jahren den ganzen Globus einnimmt und alles durcheinander bringt. Wütend auf sich selbst, weil sich Laura eingesperrt fühlt und
sich schon länger nicht mehr so fest mit sich selbst beschäftigen musste. Denn dieser blöde Chäfer hat nun auch sie erwischt, obwohl Laura doch bis jetzt so resistent dagegen war – angeblich. Wie
resistent ihr Immunsystem ist oder eben nicht, interessiert Laura aktuell herzlich wenig. Was sie dafür umso mehr interessiert, ist, wann sie ihre Freiheit zurück erlangt. An dieser Stelle
verzichte ich auf die allgemein bekannten und ja sowieso immer gleich bleibenden Massnahmen (höre nur ich die Ironie?) und erzähle euch lieber weiter von Laura.
Laura wäre heute in die Ferien gefahren. Diejenigen Ferien, auf die sie sich seit vielen Monaten freut und in ihrem Kopf folgende Vorstellung hat: Angenehme 28 Grad, türquises Wasser, Sandstrand
soweit das Auge reicht und eine leichte Brise, die sanft über Lauras Körper gleitet und ihren Verstand ganz klar werden lässt. Laura blickt aufs Meer, hält einen fruchtig-süssen Cocktail in der
Hand und lässt ihre Gedanken in die Ferne schweifen. Am Vormittag war sie zum ersten Mal tauchen und verarbeitet die wunderbaren Bilder vor ihrem inneren Auge. Besonders die Schildkröte hat es
ihr angetan, was für ein Erlebnis! Sie überlegt sich gerade, was sie mit dem Rest des Tages noch anstellen kann, als…
Ja, als sie realisiert, dass sie weder am Strand steht noch eine kühle Brise weht. Laura liegt im Bett, spürt statt wohliger Wärme ein leichtes Fieber (auch eine Art von Wärme, nicht wahr…?) und
kämpft mit üblen Kopfschmerzen, wie sie sie schon lange nicht mehr hatte. Was ist denn nur los, fragt sie sich. Das liegt sicherlich am Stress der letzten Tage (oder Monate?) oder daran, dass sie
wieder mal beim Spazieren die Zeit vergessen hat und etwas unterkühlt nach Hause kam. Blödsinn, wie sich am nächsten Tag herausstellt! Zuerst noch wie ein fleissiges Bienchen am Arbeiten –
aktuell sowieso noch mehrheitlich im Homeoffice – merkt Laura plötzlich, wie sich ihr Zustand verschlechtert. Aber warum? Das Kopfkino geht los und die Gedanken schiessen wild durcheinander:
Corona? Nein, das kann nicht sein. Ah doch, sie hatte ja kürzlich Kontakt mit einer positiv getesteten Person. Aber nein, sie ist doch geboostert? Hmm, das scheint nicht immer zu schützen…
Selbsttest? Nein, denn für Mexiko braucht sie gar keinen Test. Aber klar doch, denn sie hat Symptome. Ziemlich starke sogar. Und wenn sie positiv ist? Was wir dann aus den Ferien?
Nun ja, was soll ich euch sagen… Der Selbsttest von Laura war positiv und zwar eindeutig. Das Kopfkino ging weiter: Sch***, was mach ich jetzt? Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass die sonst so
taffe Laura kurz überfordert war. Und einen (mit Betonung auf kleinen ;)) Heulkrampf hatte. Nach einem kleinen Gerangel ihrer inneren Stimmen war der Fall klar, dass sie sich richtig testen
lassen würde. Das soziale Gewissen hat den Kampf gegen den Egoismus deutlich gewonnen, wen erstaunt’s? Laura nicht.
Ob und wie Laura in den nächsten Tagen gearbeitet hat, entzieht sich meiner Kenntnis, deshalb kann ich euch darüber nichts berichten. Ich weiss dafür, wie sie ihren Samstag verbracht hat und zwar
mit „Beschäftigungstherapie“, wie sie es so schön nennt. Dafür hat sie sich am Freitagabend eine Liste geschrieben, was sie alles erledigen könnte, sofern es die Energie zulässt. Es könnte sein,
dass ein verführerischer Amaretto Sour sie dabei auf etwas wahnwitzige Ideen gebracht hat, aber mehr dazu später. Nach viiiiel Schlaf und noch mehr Teeli sowie nicht-so-prickelndem-Inhalieren
machte sich Laura ans Abarbeiten der Liste. Aber womit sollte sie anfangen? Vielleicht mit dem Aufräumen des Badzimmerschränklis, das aus allen Nähten platzt und seit dem Zügeln nie richtig
eingeräumt wurde? Gedacht, getan. Oder besser gesagt: Gedacht, angefangen, nie fertig getan. Denn wie ich Laura kenne, liegt die Hälfte der Dinge wohl immer noch auf dem Boden oder irgendwo
verstreut. Das würde ich nur zu gerne selbst überprüfen… ;)
Auf der Liste stand auch „Balkon umräumen“ mit den Hinweisen zum Grill und der Lounge („wo?!?“). Beides ist, für den grundsätzlich für städtische Verhältnisse nicht kleinen, aber in diesem Fall
zu wenig grossen Balkon, zu sperrig. Obwohl ich nicht dabei war, stelle ich mir Laura vor, wie sie diese logistische Herausforderung in Angriff zu nehmen versucht: Esstisch anheben, um 90 Grad
drehen, wieder hinstellen – ein Anfang… Loungetischli kurzerhand in eine Verlängerung umwandeln, in dem man die Glasplatte wegnimmt und ein Polster festmacht – clever! Und dann passt das auch
noch ganz genau in die Lücke, so dass Laura wieder auf ihrer geliebten Lounge liegen und nicht nur im Schneidersitz hocken kann – grandios! Weiter würde sie wohl die Grillabdeckung putzen, den
verschmutzten Rost gekonnt ignorieren und den nicht ganz leichten Grill mit Müh und Not 100-fach umstellen – was war noch mal die Idee dahinter? Weitere Einzelheiten erspare ich euch, ihr könnt
es euch bestimmt lebhaft vorstellen. Lange Rede, kurzer Sinn: Der Balkon ist umgeräumt, Laura liegt völlig erschöpft auf der Lounge und muss sich zuerst mal von den Strapazen erholen. Kurze Zeit
später merkt sie, dass sie den Kaffee neu sogar mit Seesicht geniessen kann, was für eine Meisterleistung! Was wohl die ersten Besucher dazu meinen, die vielleicht nicht ganz so elegant wie Laura
um die Möbel herum kurven? Den Witz mit der Betonung des letzten Wortes spare ich euch an dieser Stelle ;)
Die weiteren Punkte auf Lauras Liste waren weniger spektakulär, sie hat aber mehr oder weniger versucht alle zu erledigen. Als die Sonne unterging, wurde sie plötzlich genervt. Ihr fragt euch
sicher, was passiert ist. Nichts, genau das war das Problem. Laura ist sich gewohnt viel auf Achse zu sein und schon gar nicht ganze Tage alleine Zuhause zu verbringen. Hier liegt die Betonung
auf alleine, denn im neuen Zuhause fühlt sie sich sehr wohl. Im Wissen, nicht unter Menschen zu gehen, nein, sie regelrecht zu meiden, verschlechterte sich Lauras Laune Minute um Minute. Sie
wurde wütend, über den C-Chäfer und über sich selbst. Könnte es deshalb sein, dass sich Laura beim Einbrechen der Dunkelheit mit Maske und gut eingepackt an ihren geliebten Rotsee schlich?
Vielleicht. Hat sie dabei einen grossen Bogen um die wenigen Menschen gemacht, die zu dieser Zeit noch unterwegs waren? Definitiv! Kann Laura davon ausgehen, dass sie sowieso aus der Isolation
entlassen wird und nur noch auf das Telefon wartet? Korrekt.
So steht sie am Ufer des Rotsees: Kühle 3 Grad, geheimnisvolles Wasser, Schilf soweit das Auge reicht und ein kalter Wind, der bissig um Lauras rote Nase weht und ihren Verstand ganz klar werden
lässt. Laura blickt aufs Wasser, hält ein verschnüderetes Taschentuch in der Hand und lässt ihre Gedanken in die Ferne schweifen. Doch statt sich am Strand liegen zu sehen, sieht Laura
ein anderes Bild: Das einer kleinen Rebellin, die auf ihre Bedürfnisse hört, ohne dabei jemanden zu gefährden oder zu verletzen. Eine kleine Rebellin, die in den letzten Tagen einige Hochs und
Tiefs durchlebt hat. Und eine kleine Rebellin, der einmal mehr bewusst wurde, wie wertvoll Zeit für und mit sich selbst ist. Und was Freiheit und Selbstbestimmung für sie bedeuten. Mit diesen
Gedanken machte sich Laura auf den Rückweg in ihr gemütliches Zuhause, um dort ein Candle-Light-Raclette im neu eingerichteten Essbereich der Küche zuzubereiten und ihre gewonnenen Erkenntnisse
mit leichten Ausschweifungen (ratet mal, was hier die Betonung sein könnte) niederzuschreiben. Und um sich ganz fest auf die Ferien übernächste Woche zu freuen. Hasta la vista!
Und wen ich auch mit diesem Gschichtli unterhalten konnte, darf mir das gerne mitteilen. Ich leite es dann selbstverständlich an Laura weiter, welche sich bestimmt darüber freut. Aber das
mache ich erst später, denn zuerst muss die Autorin abtauchen. Heute in der Badewanne und eine Woche später im Ozean – blubb!
PS: Wenn ich wieder auftauche, gibt es möglicherweise einen Reiseblog aus Mexiko. Mit zum-neidisch-werdenden-Fotos. Von Schildkröten und so. :)
PPS: Respekt an all diejenigen, die zehn Tage oder sogar noch länger in Isolation ausharren mussten. Und mit Partnern. Und Kindern. Und Haustieren. Und ohne Balkon. Meinen GROSSEN Respekt!
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