– Ciudad Perdida
Nach einem reichhaltigen Frühstück wurde ich in meinem Hotel abgeholt. Und eines meiner bisher grössten Abenteuer sollte beginnen: Die viertägige
Wanderung zur Ciudad Perdida. Mit 16 Personen waren wir eine sehr grosse Wandertruppe und nebst unserem Guide Victor begleitete uns der Co-Guide Omar sowie die Übersetzerin Sofia. Ich war
erstaunt, wie viele Kolumbianer dabei waren, welche aktuell Urlaub machen. Auch vier Holländerinnen, ein Spanier und drei Amerikaner waren mit von der Partie. Mit zwei Offroadern fuhren wir
zuerst gut 1.5 Stunden entlang der Küstenstrasse und danach rund 45 Minuten über sehr holprige Strassen bis zum Basiscamp in den Bergen. Ganz ehrlich, ich hatte mich nicht sonderlich mit der
Wanderung auseinandergesetzt, sondern dachte mir, dass dies im Verhältnis zu Schweizer Bergen nicht so anspruchsvoll sein kann. Ich sollte mich täuschen…
Der Weg führt während 45 Kilometern und rund 1’300 Höhenmetern durch die Sierra Nevada Kolumbiens. Das bedeutet unzählige Hügel, dichter Regenwald, 33 Grad und
100% Luftfeuchtigkeit. Und ja, ich war innert Minuten komplett durchgeschwitzt. Obwohl ich nur das Nötigste eingepackt hatte, fühlte sich mein Rucksack richtig schwer an. Während rund vier
Stunden liefen wir stetig bergauf, konnten dabei jedoch die herrliche Aussicht über den Dschungel und die Berge geniessen. Zwischendurch gab es immer wieder frische Früchte, welche umso besser
schmeckten. Die 12 Kilometer liesen sich trotz viel Wasserverlust ganz gut absolvieren und wir erreichten das Camp Adan am frühen Abend. Im Fluss Buritaca, welchen wir während der vier Tage
unzählige Male überqueren sollten, genehmigten wir uns ein kühles Bad. Als Stärkung gab es danach ein reichhaltiges Abendessen bestehend aus Fisch, Reis, Salat und Patacones (frittierte
Kochbananen). Um 19.30 Uhr lagen wir bereits auf unseren Matratzen und sprühten uns trotz Netzen ausgiebig mit Mückenspray ein. Die Viecher sind eine richtige Plage – im Dschungel noch deutlich
mehr als am Meer. Teils undefinierbare Geräusche weckten mich immer wieder auf, dennoch genoss ich es an der frischen Luft zu schlafen und den Frieden dieses Ortes.
Pünktlich um 5 Uhr war Tagwach und das Frühstück wartete bereits auf uns. Arepas oder Reis mit Früchten sollten es vier Tage lang sein, was ich nun
ehrlich gesagt absolut nicht mehr sehen kann. Warum, das erfährt ihr bald. In den Morgenstunden war es noch nicht ganz so heiss, da die Sonne erst gegen 8.30 Uhr über den Hügeln erschien und auf
uns niederbrannte. So marschierten wir fröhlich weiter und erreichten bereits vor dem Mittag ein Dorf der Indigenen. Die dort lebenden Kogí sind eine von vier Stämmen im Gebiet der Sierra Nevada.
Uns wurde erklärt, dass Frauen und Männer stets getrennt wohnen. Die Frauen kümmern sich um den Nachwuchs - im Schnitt 12 Kinder! - und das Essen, zudem stellen sie die traditionellen Taschen
her. Die Männer sind häufig draussen unterwegs, kauen Kokablätter und pflegen ihren „Poporo“. Dieser besteht aus einem Behälter (häufig aus Kürbis), in dem man Limetten und Muschelabrieb mischt
und diese Tinktur mittels eines Stocks in den Mund befördert. Zusammen mit den Kokablättern, die bereits zerkaut sind, gibt dies einen Saft, welcher nadisna aufgetragen wird. Daraus wiederum
ergibt sich über die Jahre ein ganz persönliches Stück, welches ein bisschen an einen Käselaib erinnert. Respektive auch mehrere, denn irgendwann wird das Ding schlicht zu schwer zum Herumtragen.
Die Kogí sehen den Poporo als eine Art Tagebuch, da sie ihre Gedanken beim Erstellen frei fliessen lassen. Nach dem Ableben versteckt der Stammeshäuptling die Poporos an einem heiligen
Ort.
Nach dem Mittagessen begann die liebevoll benannte „Happy Hour“ – eine Stunde steil bergauf. Und das im grössten Schlamm. Was für ein Vergnügen… Oben angekommen
gab es nicht nur süsse Früchte, sondern auch eine grosse Überraschung. David und Kualie, welche ich in der Sprachschule in Cartagena kennengelernt hatte, kreuzten meinen Weg. Ganz ehrlich, das
hat mir einen enormen Motivationsschub gegeben. Danach ging es weiter über Stock und Stein, bis wir vier Stunden später das zweite Camp erreichten. Auf dem Weg begegneten wir wiederum vielen
Indigenen, welche barfuss, in Crocs oder Gummistiefeln unterwegs sind. Uns wurde bereits am ersten Tag erklärt, dass die Einheimischen oft sehr scheu sind und wir sie nicht ohne Erlaubnis von
vorne fotografieren sollen. Da sie häufig kein Spanisch sprechen, sondern ihre eigene Sprache, und auch aus Respekt schoss ich nur wenige Fotos. Die insgesamt 20 Kilometer am zweiten Tag machten
sich langsam auch in den Beinen bemerkbar. Blöderweise hatte ich einen meiner Sandalen im ersten Camp vergessen und so musste ich die restlichen drei Tage immer mit meinen Wanderschuhen rumlaufen
– nicht gäbig! Schon bald bildeten sich Blasen an den Füssen und so lief ich wann immer möglich barfuss. Trotz allem fühlte ich mich ganz gut. Dies galt leider nicht für alle in meiner
Wandertruppe, eine Teilnehmerin wurde in der Nacht plötzlich krank...
Am dritten Tag war es endlich soweit – der Aufstieg zur Ciudad Perdida. Top motiviert stiegen wir restlichen 15 die 1‘200 sehr steilen Stufen hoch
und sollten nach einer Stunde schweissgebadet oben ankommen. Unsere Guides erzählten uns die Geschichte der verlorenen Stadt, die ich hier zusammenfasse: Ca. 700 nach Christus erbaut erstreckt
sie sich insgesamt über 48‘000m2 und wurde während der Hochblüte vermutlich von ca. 2‘000-8‘000 Menschen bewohnt. Die Spanier schleppten Seuchen ein, welche viele Einwohner sterben liessen. Die
Überlebenden verliessen die Stadt ungefähr 1630 und hinterliesen unzählige wertvolle Schmuckstücke, welche sie den Verstorbenen auf den Weg ins nächste Leben mitgaben. 1973 entdeckten
Grabplünderer durch Zufall die Ruinen und zerstörten diese teilweise auf der Suche nach Wertvollem. Es entstand ein Krieg zwischen den Einheimischen und Grabräubern. Drei Jahre später machten
sich zehn Archäologen auf den Weg, nur sieben davon überlebten die anspruchsvolle Wanderung durch den Dschungel. Anschliessend wurde eine Vereinbarung zwischen den Einheimischen und der Regierung
getroffen. Vier Teile wurden freigelegt und sind zugänglich. Vom heutigen Tourismus profitieren auch die Stämme, da sie einen Anteil erhalten. Dennoch wird die Besucherzahl begrenzt und es gelten
strikte Vorschriften.
Die Ciudad Perdida ist nebst Machu Picchu in Peru eine der grössten wiederentdeckten Städte Südamerikas. Und was soll ich euch sagen? Es ist wirklich
eindrucksvoll! Während gut drei Stunden entdeckten wir die vier ehemaligen Stadtteile und liesen uns alles erklären. Wie immer versuchte ich mir vorzustellen, wie die Menschen hier wohl lebten.
Nach der Besichtigung stand ein weiteres Highlight auf dem Programm, nämlich das Kennenlernen des Oberhauptes der Kogí. Der sogenannte Mamo ist einer der bekanntesten Menschen Kolumbiens und ist
auf der 50‘000er Note abgebildet. Ihr könnt euch schon denken, was danach kam, oder? Natürlich musste der ganze Weg auch wieder runtergelaufen werden. Da wir bereits ziemlich erschöpft waren,
dauerte der Abstieg etwas länger und wir waren alle froh heil unten angekommen zu sein. Sicherungen gibt es übrigens praktisch keine, da braucht es echt gute Trittsicherheit. Mich plagten zudem
starke Kopfschmerzen, welche ich der Hitze zuschrieb. Natürlich gab es wieder ein erfrischendes Bad im Fluss, was meine Beschwerden kurzzeitig linderte. Um 18 Uhr lag ich völlig erschöpft im
Bett. Leider war die Nachtruhe dieses Mal nur von kurzer Dauer, schon bald sollte ich mehr Zeit auf der Toilette verbringen als auf der weichen Matratze. Auch die wenigen Bissen meines Frühstücks
hielten es nur sehr kurze Zeit in meinem Bauch aus… Mir wurde ein Gemisch aus Limettensaft und Salz verabreicht, welche den Brechreiz kurzfristig unterband. Trotz völliger Energielosigkeit war
mein Wille (und mein Ego!) stark und so lief ich um 6 Uhr wie gewohnt los. Die ersten 30 Minuten war ich zwar langsam unterwegs, konnte mich jedoch immer wieder motivieren. Danach ging es eine
Stunde bergauf und ich kann mich ehrlich gesagt nicht mehr wirklich daran erinnern. Ich weiss noch, dass ich mich unterwegs erneut übergeben musste und plötzlich fiebrig wurde. Endlich oben
angekommen sank ich in die Knie und konnte ohne Hilfe nicht mehr aufstehen. Da wurde mir klar, dass ich es nicht aus eigener Kraft schaffen würde. Ich fragte einen Guide nach Unterstützung und
dieser meinte, dass es nun zu spät sei für ein Maultier und ich die restlichen sechs Stunden auch noch laufen müsse. Da brach ich in Tränen aus und übergab mich erneut. Völlig verzweifelt und
verloren fühlte ich mich. Wie sollte ich es bloss wieder aus diesem Dschungel schaffen? Der Guide erkannte den Ernst der Lage und versuchte über sein Funkgerät Hilfe anzufordern. Er sagte mir,
dass ein Maultier 200‘000 (ca. 40 Franken) kosten würde. So viel Geld hatte ich jedoch nicht dabei. Glücklicherweise lebten ganz in der
Nähe Indigene und etwas später stand trotz zu wenig Geld ein Maultier vor mir. Mit Unterstützung schaffte ich es aufzusteigen und wurde durch das unwegsame Gelände getragen. In meinem Zustand war
es jedoch äusserst anstrengend mich auf dem Sattel zu halten. Einige Male meinte ich gar abzustürzen, da der Muli sehr nahe an Abgründen entlanglief. Auf den einigermassen flachen Untergründen
versuchte ich mich jeweils etwas zu erholen und schlief dabei beinahe ein. Nach rund zweieinhalb Stunden erreichten wir endlich ein Camp und ich legte mich sofort auf die Bank. Als ich merkte,
dass wir länger bleiben würden, schlüpfte ich in eines der Betten, um zu schlafen. Danach fühlte ich mich etwas besser. Die anderen meiner Truppe trafen laufend ein und einige mussten aufgrund
der grossen Anstrengung ebenfalls Forfait geben. So konnten wir den letzten Teil der Strecke auf Motorrädern zurücklegen. Die Fahrer kennen die Umgebung im Schlaf, entsprechend abenteuerlich war
die holprige Fahrt. Wie froh ich war, als ich eine halbe Stunde später wieder festen Boden unter mir hatte und mich sogleich wieder auf die kühlen Steine legen konnte. Die Hartgesotennen unter
uns waren bereits im Basiscamp und wir warteten auf den Rest der Truppe. Ich versuchte noch am gemeinsamen Mittagessen teilzunehmen, musste innerhalb von wenigen Minuten jedoch wieder eine
versteckte Ecke aufsuchen… Wenn man nicht mal mehr Reis essen kann, dann weiss man, dass man krank ist. Dankbar, dass ich im 4x4 vorne sitzen durfte, überstand ich die allerletzte Fahrt bis ins
Hotel ohne Zwischenfall. Dort informierte ich kurz meine Liebsten, bevor ich noch vor Sonnenuntergang ins Bett kroch.
Alles in allem war die Wanderung durch die Sierra Nevada und die Ciudad Perdida ein grandioses Abenteuer! Ich hätte mir natürlich gewünscht, dass ich
die gesamte Strecke laufen kann und hätte es mir bei gesundem Zustand auch zugetraut. Ob ich es wieder mal etwas naiv-optimistisch angegangen bin? Vermutlich. Würde ich es wieder machen? Auf
jeden Fall. Werde ich es jemals vergessen? Ganz bestimmt nicht.
Und so bin ich dankbar, dass ich in diesen schwierigen Stunden einerseits ein starkes Maultier – welches ich übrigens Fuerte („Starker“) getauft habe
– an meiner Seite hatte. Vor allem bin ich jedoch dankbar für die vielen aufmunternden Worte meiner Wanderbuddies, welche mir zur Seite standen. Und stolz bin ich allemal auf meine Leistung. Das
nächste Mal wandere ich wieder in den bekannten Schweizer Bergen ;) Jetzt ist aber erst mal Erholung am Strand angesagt, hasta luego amigos.